„Europas blasses Judenkind“ - Ein lyrisches Porträt von Mascha Kaléko

02.03.2017

„Europas blasses Judenkind“ - Ein lyrisches Porträt von Mascha Kaléko
Bildquelle:
Dorothée Krätzer
Sie hat Charme und Humor, benennt die Dinge beim Namen und beobachtet genau. Was sie bewegt hält sie in ihrer ganz eigenen Art fest, schreibt es in einer bildhaften Sprache nieder, die jeden gleich anspricht. Damit ist sie, die sich selbst später einmal als „Europas blasses Judenkind“ bezeichnet, sehr erfolgreich.
Bis zur Flucht im dritten Reich ins Exil nach Amerika. Viele Jahre war die Dichterin Mascha Kaléko (1907 - 1975) aus der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland verschwunden. Dass ihr Werk in der letzten Zeit zunehmend wieder publik wurde, liegt unter anderem an der Schauspielerin Paula Quast. Seit diese 1996 auf Texte von Kaléko stieß, widmet sie der Lyrikerin ein Programm. „…sie sprechen von mir nur leise“ hat es Quast nach einem Text von Kaléko überschrieben.

Gemeinsam mit dem vielseitigen Musiker Henry Altmann war sie damit nun das zweite Mal beim Kulturkreis Feucht zu Gast, diesmal im Feuchter Zeidlerschloss.

Begleitet von Altmanns Tonbildern, die mal als ruhige Umrahmung im Hintergrund klingen, mal mit ihren Rhythmen und Melodien die Verbindung zwischen den Gedichten und kurzen Lebensbeschreibungen bilden, entwirft Quast eindrucksvoll das Porträt dieser außergewöhnlichen Frau. 25 Gedichte trägt die Schauspielerin aus Hamburg dabei vor, lässt Kaléko mit eigenen Worten für sich sprechen. Von Liebe und Abschied handeln die Texte, von kleinen Alltagssituation, Kindheit, der kindlichen Schwärmereien für einen Sologeiger, von den Menschen, denen sie begegnet. Sie sei mit Gott auf Du und Du, beschreibt Kaléko ihre alte Kinderfrau Agotha, gehe mit Pflicht und Bibel durch die Welt. Rührend falsch habe sie Kinderlieder gesungen - bis sie zuletzt nichts mehr zu tun fand und Gott sie berief, sich „endlich auszuruhn“. Mit wenigen Sätzen gelingt es Kaléko Umgebung und Situationen genau zu beschreiben, sieht man die energische und doch liebevolle Agotha vor sich, die alles ganz genau wusste. Oder den „Herrn von Schalter 9“, der das Schema F hütet und sein Stullenpapier ordentlich faltet.

Ganz still bleibt es, während Paula Quast mit ihrer ausdrucksvollen Stimme Kaléko Stück für Stück Gestalt gibt, ihrer Einsamkeit und Verlorenheit, ihrer Zerrissenheit zwischen der glücklichen Zeit in Berlin der Weimarer Republik und den späteren Exilstationen von USA bis Israel.

Sensibel mit großer Intensität spricht die Schauspielerin diese Texte, lässt den Worten Raum zu klingen und damit zu wirken. Was sie hier aus Kalékos Werken ausgesucht hat, entspreche genau ihrer Einstellung, sagt Quast, sie lebe diese Gedichte, diese kleinen Geschichten. Vom Leben erzählen sie, seine Freuden und Schmerzen, der Zeit, die sich nicht zurückdrehen lässt, dem „Koffer voller Sehnsucht und den Händen voller Tand“. Traurigkeit und Sehnsucht schwingen dabei mit, Ironie gepaart mit Witz. Wie bei den Gedichten über die Menschen, denen sie anfangs einen Heiligenschein aufgesetzt hat. „Ein normaler Hut tut’s auch.“

Ein eindrucksvoller und begeisternder lyrisch-musikalischer Abend, eine behutsame Annäherung an die Gedankenwelt dieser sensiblen Lyrikerin zu der man Quast und Altmann nur gratulieren kann.

Text und Foto: Dorothée Krätzer

Impressum  ·  © 2009-2017 Markt Feucht  ·  info@feucht.de nach oben
Thema abonnieren

Geben Sie hier Ihre eMail-Adresse ein, um per eMail über neue News in dieser Kategorie informiert zu werden:


« Zurück zur vorherigen Seite